Mid-Ager-Tours - Serie: Blind Dates


Beim Surfen im Netz hats gefunkt (Teil 2)

Matthias erzählt, wie es ihm erging

Matthias, 35, Immobilienmakler, kam durch einen Zeitungsartikel über ein Volkshochschulseminar zum Thema Partnersuche auf die Idee, seine Traumfrau übers Internet zu suchen. "Den Artikel fand ich spannend und hab ihn gleich meinen Kollegen gezeigt." Die sind, genau wie ihr Chef Matthias, alle Single und auf Partnersuche. Den Artikel finden sie auch spannend. Aber ein öffentliches Volkshochschulseminar für Singles zu besuchen? Kommt nicht in Frage, da sind sich die fünf Männer einig.

Viele lehrreiche Tipps

"Ruf die Seminarleiterin an. Vielleicht macht sie das Seminar ja auch für uns hier im Büro", schlägt Matthias vor. Zwei Stunden später steht der Termin fest.

Matthias: "Berufliche Seminare hatte ich schon oft gemacht, aber nie ein privates. So war ich sehr gespannt auf den Ablauf und überrascht, wie viele lehrreiche Tipps wir da bekamen, z.B. zur Überprüfung der Selbsteinschätzung, ob diese mit der Fremdeinschätzung überstimmt. Zum Nachdenken über die eigenen Ziele, warum man eigentlich eine Partnerin sucht und wozu. Wie man eine aussagekräftige Anzeige aufgibt, wie man richtig telefoniert, welche Gesprächsthemen sich für das Treffen eignen und welche nicht, oder wie man sich fair verabschiedet, wenn man sieht, dass die Chemie nicht stimmt."

Matthias schrieb fleißig mit, legte eine Datei "Beziehungsprojekt" an und machte sich ans Texten des Inserats. Die Kollegen helfen dabei.

Nichts passiert

Sechs Wochen vergehen. Nichts passiert, damit hat niemand gerechnet. Matthias fürchtet schon, dass die Sache zum Flop gerät. Da meldet sich Gaby mit einer Zuschrift, die Matthias gut gefällt und die er gleich beantworten will. Doch was soll man schreiben? Wieder hilft das ganze Büro-Team bei der Formulierung mit.

"Und? Hast du Antwort?" Die Frage bekommt Matthias nun oft im Kollegenkreis zu hören. Aber nichts passiert, Gaby antwortet nicht. Mehrere Tage vergehen, und die Begeisterung für das Beziehungsprojekt flaut merklich ab. Als sie sich endlich meldet, bleibt das Gespräch kurz und förmlich und endet mit einer Verabredung für den nächsten Samstag. Matthias freut sich wie ein kleiner Junge, ist zu früh im Cafe, wartet eine Stunde lang und fährt enttäuscht und verärgert nach Hause.

Die zweite Chance

Als Gaby mehrere Stunden später anrief und von der Autopanne und dem vergessenen Handy erzählte, erschien ihm das wenig glaubwürdig, aber ihm fiel der Ratschlag aus dem Seminar ein: "Manchmal passieren die merkwürdigsten Dinge, die den Termin verhindern. Geben Sie Ihrem Date noch eine zweite Chance." Also stimmte er einer weiteren Verabredung zu, diesmal aber nicht mehr in einem Café, sondern in seinem Büro: "Ich dachte, wenn sie mich wieder versetzt, kann ich da wenigstens in Ruhe arbeiten und die Zeit nutzen".

Auf der Straße hätte ich sie wahrscheinlich nicht angesprochen

Gaby klingelt diesmal auf die Minute pünktlich. "Ich hab sie von oben beobachtet, als ich den Türöffner drückte. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf den ersten Blick in sie verliebt hätte, sie glich nicht wirklich dem Idealbild von Traumfrau, das ich mir zurechtgelegt hatte. Wären wir uns irgendwo auf der Straße oder im Café begegnet, hätte ich sie höchstwahrscheinlich nicht angesprochen."

Aber wieder erinnerte er sich an das Seminar: "Urteilen Sie nicht auf den ersten Blick. Lassen Sie sich offen auf Ihr Date ein. Attraktivität setzt sich aus vielen Faktoren zusammen – die Stimme, das Lachen, die Art, zu reden, sich zu bewegen, dieAnsichten und Einstellungen. Es kommt oft vor, dass auf den ersten Blick unscheinbare Menschen im Gespräch sehr an Attraktivität gewinnen, und schöne Menschen bei näherer Betrachtung verlieren."

Der geplante Kaffee dauerte sieben Stunden

"Gaby hat mich von der ersten Minute an fasziniert, mit ihrer Natürlichkeit, ihrem Humor, ihrer Geradlinigkeit. Da saß eine intelligente Frau mit Charakter und Lebenserfahrung mir gegenüber, die wusste, was sie wollte. Je länger wir uns unterhielten, umso anziehender fand ich sie. Am liebsten hätte ich sie gleich ins Auto gepackt und mit nach Hause genommen."

Aber wieder erinnerte er sich an das Seminar: "Was ist Ihr Ziel? Ein One-night-Stand? Oder eine längerfristige Beziehung? Im zweiten Fall sollten Sie das Ganze lieber sensibel angehen, auch wenn?s schwer fällt." So nahm er Gaby zum Abschied nur behutsam in die Arme und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. "Wie sie mir später erzählte, fand sie das sehr schön."

War total verliebt

Die vier Tage bis zum nächsten Date kamen ihm vor wie eine Ewigkeit. Wieder saßen die beiden im Café. Wieder diese starke Anziehungskraft. Auf beiden Seiten. Zu gern hätte er sie gespürt, geküsst, mit ihr geschlafen. Aber wie sollte er ihr das sagen? Dem sonst so sprachgewandten Immobilienmakler fehlten die Worte.

Wieder erinnerte er sich an das Seminar: "Sagen Sie einfach ehrlich, was Sie empfinden." So nahm er seinen ganzen Mut zusammen und sagte: "Ich hab mich total in dich verliebt und ich möchte dich am liebsten in den Arm nehmen und küssen und die Nacht mit dir verbringen." Das Herz klopfte ihm bis zum Hals und er wagte nicht, sie anzuschauen, während sie ein paar Sekunden still blieb, tief Luft holte und leise sagte: "Okay, lass uns fahren."

Zwei Wochen später zog Gaby bei Matthias ein, fünf Monate später heirateten sie und kurz danach kam das erste Wunschkind.





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