Farbenlehre mit Kindern

(3) Das AUTORiKA-Tagebuch | von Birgit Jennerjahn-Hakenes

"Sie sind doch dieses Frl. Castell, die Berichterstatterin der AUTORiKA?"
"Und Sie?" - "Tut nichts zur Sache. Gehen Sie in die Stadt und schreiben Sie ihren nächsten Bericht." - Frl. Castell hörte ein quengelndes Kind im Hintergrund, dann wurde aufgelegt. Das Telefondisplay gab nichts her, die Rufnummer war unterdrückt worden. Die AUTORiKA kriminell? Wer steckte hinter dieser Frauenstimme?

Foto: Klaus Eppele
Zwanzig Minuten später fluchte Frl. Castell in der Fußgängerzone, weil sie ihre Digitalkamera vergessen hatte. Denn die Stadt war voller Plakate:

Biete Gewinnertext
für die AUTORiKA
Suche Kinderbetreuung


Egal, dachte sie und wählte die angegebene Handynummer. "Meine Mama kann jetzt nicht", sagte eine Kinderstimme. "Doch, sie kann", sagte eine Frauenstimme, die ähnlich klang wie die anonyme Anruferin.

"Castell, hallo?"
"Faber, äh nein, Zaber. Guten Tag."
"Ich las eben ihr Plakat."
"Super, wann kann ich ihnen meinen Sohn bringen? Er ist drei. Sie kennen sich doch aus mit Dreijährigen?"
"Nein."
"Dann halten Sie die Leitung frei."
"Stopp, nicht auflegen, ich möchte ein Interview."
"Hauptsache Öffentlichkeit", sagte Frau Zaber.

Eine Stunde später trafen sich die beiden Frauen und der Dreijährige in einem Eiscafe.

DAS INTERVIEW

"Mit der WM-Woche im Kindergarten fing es an", sagte Frau Zaber und blickte auf den Eisbecher, der vor ihrem Sohn stand. Sie setzte fünf Kugeln in Relation zur Sprechzeit, die sie ihr einbrachten. "Es war so:"

"Wir leben in Karlsruhe, Karlsruhe ist in Deutschland, und bei der Fußball-WM tragen die Deutschen ein weißes Trikot. Hast du das verstanden?"
"Ja, Mama. Ich bin für die Roten!"
Serbien hat ja dann auch gewonnen.

Ich erklärte meinem Sohn wieder und wieder, warum ich für die Weißen war. Als es fruchtete, war das Wochenende vorbei. Montag, Kindergarten. Mein Sohn kam nach Hause, schwenkte die Deutschlandfahne und sagte: "Mama, die ist nicht weiß."

Seine Freude am Fahnenschwenken brachte mich auf eine Idee: Ich bastelte eine rot-schwarze AUTORiKA-Fahne und erklärte ihm: "Wenn Mama diese Fahne hisst, bedeutet das, sie arbeitet und du musst kurz alleine spielen."

Die Wörter hisst, arbeitet, musst, kurz und alleine bedurften einer etwas ausführlicheren Erklärung. Außerdem störte mein Sohn das Abarbeiten seiner Fragen mit Zwischenrufen: "Mama, bei deiner Fahne fehlt gold!" "Nein, das ist die AUTORiKA-Fahne, da fehlt gar nichts." "Warum?"

Nach gefühlten 243 Warums ("Weil die Mama einen Wettbewerb gewinnen will." "Warum?" "Das ist wie beim Fußball: Alle rennen einer Sache hinterher und nur einer gewinnt." "Warum?" "Weil.") war mir klar, das wird nichts, eine andere Idee muss her.

Und bevor Sie jetzt fragen, warum (niemand sollte übrigens einer Mutter von einem Dreijährigen Warum-Fragen stellen, sie reagiert mitunter etwas gereizt); also bevor Sie jetzt von mir wissen wollen, warum ich nicht morgens schreibe, wenn mein Sohn im Kindergarten ist: Da betreue ich meine bettlägerige Schwiegermutter, putze, wasche, koche, gehe einkaufen, jobbe und lese keine Zeitung.

Warum mein Sohn nicht ganztags im Kindergarten ist? Wenden Sie sich an die Politik. Diese Warum-Frage ("Warum gibt es nicht genug Betreuungsplätze?") kann ich nicht beantworten. Einen Gewinnertext, ja, den würde ich zustande bringen, wenn man mich ließe.

Wenigstens hatte das mit dem Eisbecher funktioniert. Frl. Castell hatte alles notiert.

"Was glauben Sie, Frl. Castell. Werden die Politiker auf meine Plakataktion reagieren?"
"Reagieren?" Die agieren ja nicht einmal, dachte Frl. Castell und überlegte, wie sie das Gespräch beenden könnte, um es auf Papier zu bringen.

Da erbrach der Dreijährige alle fünf Eiskugeln. Sieht aus wie der Einheitsbrei, den die Politiker fabrizieren. Auch diesen Gedanken formulierte sie nicht aus. Stattdessen sagte sie: "Das ist gut, die AUTORiKA ist politisch"

"Mir ist schlecht", sagte der Dreijährige.
"Hier, iss das", sagte Frau Zaber und reichte ihrem Sohn ein Stück trockenes Brot. Bäckerei Brotkorb stand auf der Tüte.

"Ich muss weg", sagte Frl. Castell. Jetzt wollte sie in die Bäckerei Brotkorb und erfahren, welche Zutaten in das Brot kamen, das extra für die AUTORiKA gebacken wurde. Berichterstatterin bei der AUTORiKA war der aufregendste Job, den sie je gehabt hatte.

Säubern Sie Ihren Backofen, liebe Leser. Seien Sie bereit für das Brotrezept, das Sie beim nächsten Mal erhalten. Es grüßt Sie Ihr Frl. Castell





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