Mid-Ager-Tours - Serie: Blind Dates
Gefangen im Zwiespalt (2. Teil)
Birgits zweites Date
Birgits* erstes Date war ein Reinfall. Trotzdem wagte sie noch einen zweiten Versuch, nachdem ihre Freundin sie ständig drängte, Michael* anzurufen. Wie er auf ihre Print-Anzeige geschrieben hatte, war er ein sportlicher Typ, der Tennis liebte und gern tanzen ging, nicht gebunden, ohne Kind, Frau oder Haus. Er hatte seine Lieblingschriftsteller aufgezählt, die gleichen, die Birgit auch verschlang, und ein romantisches selbstverfasstes Gedicht mit viel Tiefgang mitgeschickt.
Was für eine sympathische Stimme
Nach ein paar Tagen nahm Birgit ihren ganzen Mut zusammen und rief an. Der AB war dran. Was für eine sympathische, sehr männliche Stimme. Mindestens 20 mal wählte sie die Nummer, hörte sich das Band an und legte auf, kurz bevor die Ansage endete. Die Stimme ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Am nächsten Tag rief sie wieder an. Zwischenzeitlich hatte sie sich einen Text zurechtgelegt, den sie auf den AB sprechen wollte. Doch diesmal nahm Michael selbst ab, darauf war Birgit nicht vorbereitet. Vor Schreck stotterte sie ein paar zusammenhanglose Sätze in den Hörer und schämte sich entsetzlich für ihr konfuses Gestammel. Michael – sehr belustigt – verstand trotzdem, worum es ging. Schnell entwickelte sich ein lebhaftes, humorvolles Gespräch zwischen den beiden.
Michael hatte feine Antennen. Er spürte sehr wohl, dass Birgit scheu war und sich schwer tat, auf Menschen zuzugehen. Bei diesem ersten Telefonat fragte er deshalb nicht nach einem persönlichen Treffen. Sagte nur, dass ihm das Gespräch großen Spaß gemacht hätte und er sich am nächsten Tag um die gleiche Zeit melden würde. Birgit fieberte dem nächsten Tag entgegen. Sie hatte die Freundin gebeten zu kommen und das Gespräch mitzuhören. Sie wollte wissen, welchen Eindruck die Freundin von Michael hatte.
Angst vor dem ersten Treffen
Michael rief auch tatsächlich pünktlich an. Das Gespräch lief wieder genauso flüssig und humorvoll wie am Tag zuvor. Die Freundin hörte mit, was Michael natürlich nicht wusste, und war ebenso angetan von Michaels Stimme und seiner einfühlsamen Art. Diesmal wagte er sich weiter vor: "Du, Birgit, ich hab zufällig zwei Karten fürs Kellertheater heute abend. Willst du mitkommen?"
Von der Aufführung hatte Birgit gehört, gute Kritiken gelesen und auch schon mit dem Gedanken gespielt, sich das Stück anzusehen. Aber so spontan zusagen? Unmöglich. Die Vorstellung, sich eine Stunde später mit ihm zu treffen, versetzte sie in Panik. Diese wirklich gutaussehende Frau mit ihrer beneidenswerten Figur und den tollen langen Haaren steckte voller Komplexe und hatte große Angst, ihm nicht zu gefallen. Ihr hätte es durchaus genügt, die schönen Telefonate weiterzuführen und sich in ihrer sicheren Burg zu verkriechen. Wo sie jederzeit den Hörer auflegen konnte. Bisher wusste Michael nur, dass sie in der gleichen Stadt wie er lebte und hatte keine Ahnung, dass sie nur wenige 100 Meter auseinander wohnten.
Ausreden und Ausflüchte
Sie lehnte die Einladung also ab. Mit der fadenscheinigen Begründung, sie müsse sich erst noch die Haare waschen, obwohl die frisch gewaschen waren. Die Freundin rastete beinahe aus, rollte wild mit den Augen, tippte sich an die Stirn und versuchte mit allen Mitteln, Birgit umzustimmen. Vergebens. Michael war enttäuscht, akzeptierte die Absage aber. Er hatte schnell realisiert, dass sie eine nachdenkliche, scheue Persönlichkeit war, von Männern verletzt und es reizte ihn, sie aus der Reserve zu locken.
Er rief wieder an. Jeden Abend. Er bat sie um ein Bild, um eine Stunde Zeit für eine Tasse Kaffee. Er schlug Kinobesuche vor, nannte verschiedene Lokale, wollte mit ihr tanzen gehen, oder ein Tennisspiel besuchen. Aber jedes Mal bekam er Ausreden und Ausflüchte zu hören. Immer wieder lehnte Birgit ab, gefangen in einem großen Zwiespalt. Sie fühlte sich stark zu Michael hingezogen und hätte ihn so gerne gesehen. Andererseits steckte diese hübsche Frau voller Angst und Komplexe, und fürchtete, ihm nicht zu gefallen.
Jetzt bist du dran
Nach vierzehn Abend, nach vierzehn Telefongesprächen, gab Michael auf. Er rief tagsüber an, als er wusste, dass Birgit nicht zu Hause war und sprach eine Nachricht auf den AB. "Liebe Birgit, die Gespräche mit dir fehlen mir sehr. Aber eine Beziehung wie diese genügt mir nicht. Versteck dich nicht vor mir. Ich will dich sehen, dich als Ganzes kennen lernen. Ich hab mich so sehr bemüht um dich, jetzt bist du dran. Wenn du dich bis Ende der Woche nicht meldest, heißt das für mich: Du hast dich gegen mich entschieden."
Birgits Freundin versuchte sie zu überreden, sie zu drängen. Sie wollte doch so gern, aber sie schaffte es einfach nicht. Der Zwiespalt zerriß sie fast. Sie war ganz einfach kaputt, nicht mehr fähig, einem Mann zu vertrauen.
Michael meldete sich nicht mehr. Aber Birgit erkannte wenigstens, wie kaputt sie tatsächlich war, wie klein ihr Selbstwertgefühl und wie groß ihre unbegründeten Komplexe wegen ihres Aussehens. Es gelang ihr nicht mehr länger, sich selbst und anderen vorzumachen, sie sei ein Singletyp, der gern auf Dauer alleine leben wollte. Sie meldete sich zu einer Psychotherapie an, begann, ihre innere Einstellung zu sich selbst zu ändern und hatte erkannt: "Eine Anzeige kann nur dann Erfolg bringen, wenn man innerlich dazu bereit ist."
* Name geändert
Quelle: Buch "Abenteuer Partnersuche - Erlebnisse mit Kontaktanzeigen" von Monika Wehn
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Mid-Ager-Tours
Wussten Sie's?
15. Mai 1972

Quelle: ka.stadtwiki.net
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