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Herbstgedanken
(5) Das AUTORiKA-Tagebuch | von Birgit Jennerjahn-Hakenes
Herbst. Wie weit sind die potentiellen Teilnehmer der AUTORiKA wohl? Was schreiben sie? Wie schreiben sie? Warum schreiben sie? Ich habe mich bei verschiedenen Schreibgruppen umgehört und kurze Interviews gemacht. Glücklicherweise waren alle bereit, Kostproben ihres Könnens zu liefern. Die Gedichte sprechen für sich, sprechen für die Autoren und gegen den schlechten Ruf des Herbstes.
Außerdem ist es mir gelungen, den berühmten Autor Paul Mesa, dessen Buch "Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit" Sie vielleicht im Sommer in den Buchhandlungen gesehen und mitgenommen haben, auf einen Kaffee zu treffen. Stellen Sie sich vor, sein Wohnort berechtigt ihn zur Teilnahme an der AUTORiKA. Er ist uns Karlsruhern ganz nahe! Lesen Sie, was er mir über das Schreiben verriet. Doch zunächst die Gedichte, viel Spaß dabei wünscht Ida Castell.
(1) Herbst
In Dachluken pfeift der Wind
Regen prasselt gegen Scheiben
Die Blätter im Flug sich reiben
Wildes Treiben ist Herbstes Kind
Die Sonne durch die Wolken blitzt
Verklärtes Licht im Augenblick
Buntes Blattwerk ein Fotoklick
Ein Hörnchen vor die Linse flitzt
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| Foto: Klaus Eppele | ||
Und junger Saft die Kehle netzt
Im Festgewand durch Dörfer schweifen
Kalte Nächte, Sternenhimmel
Nebelschwaden über Wiesengrün
Reifkristalle auf Zweigen blüh´n
"Schreiben bedeutet für mich Spuren hinterlassen. Und es macht Spaß. Die AUTORiKA interessiert mich einfach, da bin ich dabei."
(2) Das Versteck
Heute Morgen
hat sich doch die alte Kastanie
hinter einem Nebelschleier versteckt
die Sonne räumte
ihn später wieder weg
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| Foto: Klaus Eppele | ||
Filigran
du duftest nach Frühlingstee
nach Juligras
nach Schwimmbad
nach Pizza auf der Terrasse
nach Pusteblumen im Wind
du duftest nach...
"Ich habe sieben Jahre in europäischen Ländern gelebt und erkannt, wie reich meine Muttersprache ist. Die AUTORiKA macht mir Mut, mit meinen Texten nach vorn zu gehen."
(3) herbstens
ich bin ein mädchen 60 plus
mit wunderschönen silberfädchen;
und auch wenn's keiner glaubt -
ich weiß noch wie
und auch noch wann.
so fragt mich neulich
urs, ein junger mann
ob ich vielleicht `ne stunde hätte
ach, sagt ich, süßer, hör mal zu:
was soll ich denn
mit einem stand
ich mags gemächlich,
will erst funken sehn,
dann sollen kleine flammen,
züngelnd sich vereinen,
bis alles lodert lichterloh.
und hinterher
bin ich dann froh.
"Ich schreibe, weil mir jemand zuhört, zuallererst das Blatt. Ich nehme an der AUTORIKA teil, weil es da viele Jemands gibt, die mir zuhören ..."
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| Foto: Klaus Eppele | ||
(4) Herbstaugenblick
Einer munter raschelnden Prozession gleich
purzelt das Herbstlaub den Bordstein entlang.
Als es getanzt mit dem Wind lange Reigen,
ruht es sich aus dort in Vorläufigkeit.
So seh ich's liegen wie auch die Sonne,
die zärtlich versenkt sich im Laub,
und einen leisen Moment lang
zum Strahlen uns beide
nochmals verführt.
Herbstrhapsodie
Ich trag meinen Mantel. Den grauen. Aus Filz.
Es gibt heute Kohl mit Würstchen.
Diese sind würzig und rotbraun,
der Kohl breitet lockend sich aus.
Doch nach ihm kein Sommer mehr draußen
schon kündet sich an eine dunklere Zeit.
Unüberhörbar das Rauschen der Heizung
gleich salzigem Fernweh von weit.
Dem lass uns nachgehn, hör ich dich sagen,
uns folgen den gelb durchwirkten Tagen,
dem Zug der Stare hinterher.
"Ich schreibe, weil Gedanken flüchtig sind. Ich nehme an der AUTORiKA teil, weil es Zeit dafür ist.
Zeit, das Stichwort Herr Mesa. Sie haben keine Zeit, an der AUTORiKA teilzunehmen?"
Zeit schon, jeden Tag vierundzwanzig Stunden. Aber die Arbeit an einem Roman hält mich derzeit fest im Griff – manchmal ist das ein Würgegriff, dann wieder recht kuschelig. Romane sind eifersüchtige Götter. Zur Zeit darf ich keine Kurzgeschichte neben ihm haben.
Inwieweit hatten Schreibwettbewerbe Einfluss auf Ihren Werdegang als Autor?
Insoweit, als ich einige Jahre lang recht viele Kurzgeschichten geschrieben und auch einige Preise damit gewonnen habe. Außerdem haben mich die verschiedensten Themenstellungen und Anforderungen an den Umfang der Geschichten oder Gedichte immer wieder zu Stoffen inspiriert, auf die ich von allein wohl nie gekommen wäre.
Empfinden Sie die AUTORiKA als einen Schreibwettbewerb wie jeder andere?
Nach allem, was ich bisher davon mitbekommen habe, legen sich dafür sehr viele Leute sehr ins Zeug. Es gibt einfach mehr Drumherum als bei den meisten anderen Wettbewerben, etwa bereits im Vorfeld Lesungen oder, wie gerade jetzt, sogar ein Interview mit einem nicht teilnehmenden Autor. Danke schön.
Wenn Sie Zeit hätten, was schrieben sie, was fiele Ihnen zu diesem Wettbewerb ein?
Vermutlich schriebe ich eine Geschichte zum Thema "Plötzlich allein". Zunächst würde ich mal die ersten Gedanken und Klischees auflisten, die mir bei dem Thema in den Sinn kommen, sie zur Seite legen und etwas ganz anderes machen. Vielleicht eine Geschichte über das Wörtchen "plötzlich", das sich eines Morgens ganz allein in einem Wörterbuch findet und sich dann auf die Suche nach den verschwundenen Kollegen macht. Oder, warten Sie, man könnte das andere Thema, "Mein Karlsruhe", wörtlich nehmen und dann darüber schreiben, was ich täte, wenn die Stadt mir ganz allein gehörte.
In Ihrem Roman, der bei Kindler erschien und den ich sehr gerne gelesen habe, weil er literarisch wertvoll ist und gut unterhält, werden Ihre Figuren auch dadurch charakterisiert, dass sie ihre Kaffeevorlieben preisgeben. Welcher Kaffee passt zur AUTORiKA?
Ein großer Milchkaffee in der henkellosen Tasse mit einem Stück Torte.
"Vielen Dank für das Interview", sagt Ida Castell und setzt sich schleunigst an den Schreibtisch. Herr Mesa hat keine Zeit, aber ich. Diese Idee mit dem "plötzlich", das sich alleine im Wörterbuch findet, herrlich, da mache ich was draus. Aber pst, nicht weitersagen...
31. Dezember 1978

Quelle: www.karlsruhe.de
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