Köpfe der Region


Interview mit Dr. André Richter


Dr. Andre Richter, geb. 1972 in Dessau. Neben der Berufsausbildung zum BMSR-Techniker und einem Maschinenbaustudium, mit anschließender Promotion, ist er als Hochschuldozent, Moderator, Entertainer und Kabarettist tätig.

"Moderation & Co." als Teenager. Mit nur 14 Jahren tourte Richter mit seiner eigenen Diskothek durchs Land. Als 16-jähriger moderierte er zahlreiche Kultur- und Sportveranstaltungen, war Pressesprecher der Auszubildenden-Vertretung und hielt erste Vorträge. 1992 begann seine Karriere als Solokabarettist, 1996 gründete er sein Kabarettensemble "Die Kratzbürsten".




Waren Sie heute mehr als Logistikberater oder als Kleinkünstler im Einsatz?

Wird es Sie enttäuschen, wenn ich sage: weder noch oder beides? Am Vormittag habe ich meine Vorlesung "Flughafenlogistik" an der Uni oder am KIT gehalten – also Technik und Show in Kombination. Am Nachmittag hatte ich ein Seminar im Bereich Unternehmenskommunikation für ein Maschinenbauunternehmen in der Region und jetzt sitzen wir hier und sprechen über beide Bereiche.

Welche Fähigkeit muss man als Kabarettist vor allem haben?

In aller ersten Linie sind es zwei Dinge. Zuerst muss man selbst etwas Humor haben. Es klingt banal, aber nicht alle Menschen haben Humor. Viel wichtiger dabei, dass man auch mal selbst über sich lachen kann und sich nicht so wichtig nimmt. Das aber bitte nicht verwechseln mit dem Wichtigtun! Gute Kabarettisten sind Wichtigtuer, aber keine Wichtig-Nehmer! Die zweite herausragende Fähigkeit ist das Beobachten und das Interesse an Menschen. Ohne diese Fähigkeit nützt Ihnen auch der Humor nicht viel.

Woher nehmen Sie Ihre Schlagfertigkeit und Ihre große Improvisationsgabe?

Training, Training, Training? Nein, sicherlich ist es auch eine Ladung Talent. Ich glaube, dass ich dieses Talent in der Schule erkannt habe, als ich große Mühe hatte, Texte beim Lautlesen im Unterricht fehlerfrei zu lesen. Ich war mit den Gedanken immer schon ein paar Wörter voraus. Inzwischen lese ich ohne viel Stocken, jedoch nicht immer das, was auf dem Papier steht. Da ich mir auch beim Kabarett lange Dialoge schlecht bis gar nicht merken kann, muss ich eben improvisieren.

An welchen Themen arbeiten Sie gerade?

Kleinkunst oder Logistik? Für das Kabarett "Die Kratzbürsten" arbeite ich gerade an neuen Sketchen und Texten, um mit Kai Ahnung bald ein neues Programm auf die Bühne zu bringen. Weiter arbeite ich an meiner Kunstfigur, Waldemar Chagall, der Klo-Barbier von Karlsruhe, der auf der Toilette am Marktplatz täglich mit Geschäftsleuten zu tun hat und immer am Puls der Zeit ist.
Logistisch habe ich den Flughafen Frankfurt im Visier und verschiedene mittelständische Betriebe, die ich berate und schreibe an einem Fachartikel über den demografischen Wandel in der Logistik.

Welche Themen interessieren Sie beim Kabarett für die Bühne?

Für unsere Programme interessieren uns lokale und regionale Themen, die einer breiten Masse bekannt sind. Wir versuchen, wie Luther sagte, dem Volk aufs Maul zu schauen und die Gedanken und Sorgen der Leute auf die Bühne zu bringen. Wir lieben Wortspielereien und versuchen, spezielle Themen in dieses Konzept zu fassen. Oft hinterfragen wir auch Sachen und Themen und versuchen, uns eine eigene kleine Philosophie aufzubauen. Auf der Bühne stellen wir dann fest, dass wir gar nicht einmal alleine mit dieser Auffassung sind.
Wie kommt ein promovierter Maschinenbauer zum Kabarett oder umgekehrt?

Eigentlich kam ich nie von einem zum anderen. Seit meiner Kindheit war das Interesse für beides vorhanden, ohne zu wissen, dass das eine später der Maschinenbau, das andere Kabarett oder Kleinkunst ist. Und ich frage mich immer, warum es denn nicht auch humorvolle Maschinenbauer geben sollte und nicht nur die ernsten Gestalten im karierten Hemd? Ebenso stelle ich mir die Frage, warum die meisten, aktuellen Humoristen schlecht in Sport waren oder Probleme mit Mädels hatten? Es kann doch auch Vertreter geben, die auch in diesen Disziplinen Erfolge hatten.
Die erste Parallele zwischen Technik im Beruf und der Unterhaltung hatte ich in der Lehre. Als BMSR-Techniker hatte ich an meiner Berufsschule einen Lehrlingsrundfunk gegründet und betrieben. Das war manchmal skurril, in der Pause die Top Five der Charts zu nennen, im Unterricht die 5 Schutzklassen bei der Elektroinstallation.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie viele Talente haben?

Das ist eine interessante Frage. Sicherlich bekommt man in der Kindheit mit, was man besonders kann, was eher nicht. Meist sind es ja die Eltern und die Freunde, die einen für die eine oder andere Begabung loben.
Ich glaube, dass man vor allem auch etwas träumen und Phantasie haben muss, etwas ganz Tolles können zu wollen. Wenn man diesem Traum mit einer gewissen Leichtigkeit näher kommt, dann ist es wohl auch seinem Talent zu verdanken.

Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Kabarett und Comedy?

Oh ja, den gibt es. Vielleicht gibt es sogar eine offizielle Definition. Für mich besteht der Unterschied darin, dass Comedy ausschließlich der Unterhaltung dient, Kabarett vor allem auch eine Botschaft überbringen möchte. Comedy ist nie politisch, Kabarett schon, auch wenn es – wie bei den Kratzbürsten – Gesellschaftspolitik ist. Ein weiterer Unterschied für mich ist, dass die Comedians sich oft und gern neben eine Situation stellen und über diese verbal herfallen und sich auf Kosten Anderer lustig machen. Als Kabarettist sollte man dies nie oder kaum machen. Stattdessen ist ein Kabarettist Teil einer Situation und nimmt sich gern auch noch selbst auf die Schippe.

Was möchten Sie als Kabarettist oder Kleinkünstler noch erreichen?

Ein Traum ist es, mal eine Fernsehshow zu moderieren oder eine eigene Sendung im Radio. Vom Intellekt reizt mich dann aber mehr eine Talkrunde zu moderieren, welche die Themen behandelt, die ich als Kabarettist auch auf dem Schirm habe.

Was sagt man Ihnen nach?

Ich weiß sicherlich nicht alles, was man mir nachsagt. Was ich aber genau weiß, das sind Ungeduld und einen unbändigen Reichtum an Ideen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Karlsruhe, Februar 2010