Köpfe der Region


Interview mit dem Auto Peter Hakenios


Peter Hakenjos, geboren 1948 im Zeichen des Zwillings, aufgewachsen in und immer wieder zurückgekehrt nach Karlsruhe. Studium der Wirtschaftspädagogik an der Universität Mannheim und Lehrer für Spanisch sowie Wirtschaftswissenschaften an einer Beruflichen Schule. Nach ca. fünfzig Schuljahren in die Freiheit entlassen, wohnt er heute in Pfinztal und ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, VS-Ver.di


http://www.peterhakenjos.de/


Wie kamen Sie zum Schreiben?

Angefangen hat das Schreiben mit Aufsätzen. Leider hat meine Deutschlehrerin nicht meine Hochachtung über die herausragende Qualität meiner Ergüsse geteilt. Mit zahlreichen Artikeln für Fachzeitschriften durfte ich später meine Lehrerkollegen belästigen. Doch dann kam der Horizont der Pensionierung näher. Was tun? In "The Power Years: A User's Guide to the Rest of Your Life" von Ken Dychtwald habe ich die Antwort gefunden, nämlich die Frage, was ich eigentlich will: Ich wollte keinen Chef mehr (obwohl ich die Besten aller Zeiten hatte), ich wollte weder zeitlich noch örtlich gebunden sein, ich wollte nicht viel Geld investieren und dann wollte ich noch etwas tun, das mir Freude macht: Schreiben!

Was fasziniert Sie daran?

Schreiben bedeutet, sich neu erfinden, neue Wege gehen. Ich kann mir nie vorstellen, dass es die Menschen meiner Romane nicht gibt. Es sind Leben, die ich neu lebe, Erfahrungen, die ich neu mache, Dinge, die ich durch das Recherchieren erfahre. Mein erster Roman, "Wege über die See", handelt in Chile, da musste ich deshalb hin. Also wenn das nicht faszinierend is.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich schreibe an einem Roman über die deutsche Revolution. Ich liebe Zeiten, in denen die Menschen zu etwas Neuem aufbrechen, vielleicht gerade, weil man im Alter dem Horizont näher kommt: Und das ist die Zeit, einen neuen Ring zu beginnen, auch wenn man den letzten vielleicht nicht vollbringt ;-)

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Ich denke, Ideen wachsen einem Autor zu. Ich muss in mich hineinhören, muss immer wieder den Gedanken über einen noch nebulösen Stoff nachhängen. Plötzlich fällt es wie Schuppen von den Augen, die Ideen kommen und ich beginne zu schreiben. Dann wieder verzweifle ich, weil es nicht weitergeht. Ich höre in mich hinein, hänge meinen Gedanken nach ? usw., bis die Klippe überwunden ist und die erste Version steht. Dann beginnt die Plackerei.

Welche Plackerei?

Schreiben, wenn es läuft, macht richtig Freude, manchmal sogar Spaß. Würde man einen Roman nach nur einmaligem Durchlesen und Korrigieren einem Leser vorlegen, dann wäre es besser, ihn gleich dem Recycling zuzuführen – den Roman, nicht den Leser ;-) Nach dem Schreiben beginnt die Suche nach Stilblüten, nach Komma- und Rechtschreibfehlern, nach Infodumps, nach Logik-Fehlern, usw. Und das ist eine Plackerei, die viel Disziplin erfordert.
Auf ihrer Website gibt es einen "Mumien-Blog". Warum?

Weil ich selbst alt bin, ich bin 1948 geboren und mir gehen die ganzen Euphemismen zum Alter auf die Nerven. Ich bin kein Senior. Ich bin kein Best-Ager. Mit Vierzig war auch eine Super-Zeit. Ein Silver-Ager bin ich auch nicht, denn meine Haare, soweit noch vorhanden, gleichen farblich weniger dem benannten Edelmetall, als eher ganz gemeiner Asche. In meinem Blog setze ich mich mit dem auseinander, was unser Alter spannend macht, aber auch mit dem, was mich ärgert, wenn ich in der Werbung, in Filmen und der Literatur sehe, für wie blöd man uns Alte hält. Also Altersgenossen, bitte lesen und antworten!

Was gefällt Ihnen an Karlsruhe?

In Karlsruhe bin ich geboren, in der Südstadt groß geworden und in Karlsruhe bin ich auch geblieben. Mich begeistern hier die Menschen, aber auch die Natur, die immer gerade um die Ecke herum zu finden ist. Viele denken, die Karlsruher seien stocksteif. Unsere Stadt ist als Beamtenstadt verrufen. Aber meine Mama hat immer gesagt: "Wie?s in de Wald neischreit, so schreit?s raus". Und recht hatte sie! Es ist wirklich leicht, mit wildfremden Leuten in Karlsruhe ins Gespräch zu kommen. Wahrscheinlich lebt in uns Karlsruhern noch das gesellige Pfälzer Blut, sind doch bei der Besiedlung ein großer Teil der Neu-Karlsruher Pfälzer gewesen.

Was wünschen Sie sich, was es hier noch nicht gibt?

Also wenn es um Karlsruhe geht, bin ich fast wunschlos glücklich. Einen Mittelmeerstrand vor der Haustür kann ich mir nicht wünschen, der Baden-Airport verbindet mich zumindest europaweit mit der Welt, die Natur und das kulturelle Angebot sind hervorragend. Wenn man dann wieder von einem Ende der Stadt in das andere fahren kann, ohne sich über die wöchentlich neue Verkehrsführung zu wundern, dann ist alles perfekt.

Mit Ihren Kurzgeschichten befinden Sie sich in einer völlig anderen Welt, als mit dem Roman "Nur der Tod vergisst". Wie kommt das?

So verschieden sind die Welten nicht. In den Kurzgeschichten wie in dem Roman geht es um Fragen meiner Generation: zum einen um unsere Gegenwart und zum anderen um unsere Vergangenheit. Die Kurzgeschichten haben die Botschaft: Hey Leute, vergesst nicht, wo wir herkommen. Unsere Musik war die eines Jimi Hendrix, der Beatles, der Stones und bei Demos haben wir "We shall overcome" gesungen. Sollen wir jetzt, kurz vor dem Tod, noch einen Bückling machen? Der Roman setzt sich mit der Frage auseinander, wer waren unsere Väter? Sie sind vom Krieg zurückgekommen und haben geschwiegen. Je älter ich werde, um so mehr interessiere ich mich für meine Vergangenheit. Wenn meine Generation nicht über das Vergangene berichtet, wer dann? Unsere Eltern und Großeltern selbst konnten es nicht. Sie waren zu dicht in alles verwickelt.

Haben Sie eine Art "übergeordnetes Ziel" beim Schreiben?

Ja, ich will anregen und ich will unterhalten, auch wenn der Stoff wie in "Nur der Tod vergisst" sehr ernst ist. Um mich zu deprimieren, muss ich keinen Roman lesen, dafür genügt es, die Zeitung aufzuschlagen oder die Tagesschau anzusehen. Ich wünsche mir nichts mehr, als meine Leser zum Lachen oder zum Nachdenken anzuregen. Am besten, beides gleichzeitig.

Vielen Dank für das Gespräch



November 2014