Köpfe der Region


Katja Hachenberg-Voss

Teilnehmerin AUTORiKA Autorenwettbewerb


KATJA HACHENBERG-VOSS, *1972, studierte Germanistik, Sozialwissenschaften und Philosophie an der Universität Siegen. 2001 bis 2004 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Germanistik/Fachgebiet Literatur und Medien der Universität Kassel, wo sie mit einer Arbeit zu Räumen in der Literatur um 1900 promoviert wurde. Zahlreiche literaturkritische Publikationen. Erzähldebüt in "entwürfe", Zeitschrift für Literatur, Heft 3/2011 ("Traum") mit "Die Stimme der Annabel Ziekowski". Ein Erzählungsband ist geplant. Die Autorin lebt in Karlsruhe.


http://www.katja-hachenberg.de


Dezember 2011

Woran arbeiten Sie gerade?

Momentan arbeite ich an einem größeren Projekt, für das ich bereits sehr viel recherchiert habe. Die Vorarbeiten sind bald abgeschlossen, sodass ich mit dem Schreiben beginnen kann – ich denke, Anfang des neuen Jahres. Genaueres möchte ich aber noch nicht verraten.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich schreibe, solange ich zurückdenken kann. Sehr früh schon Tagebuch, dann für die Schüler- und Abitur-Zeitung, außerdem, ebenfalls als Schülerin, für den Lokalteil der "Siegener Zeitung". Später dann, während des Studiums, wissenschaftliche Hausarbeiten. Das wissenschaftliche Schreiben gipfelte in meiner Dissertation, die ich im Jahr 2004 abschloss. Im Jahr 2004 war es auch, dass ich damit begann, Literaturkritiken zu publizieren, was ich, mit großer Freude und Lust, bis heute tue. Im engeren Sinne belletristisch schreibe ich erst seit relativ kurzer Zeit: Es begann 2008 mit einer großen Berlin-Erzählung, an die sich zwei weitere umfangreiche Erzählungen anschlossen. In literarischer Hinsicht war 2011 für mich ein fülliges und wunderbar ertragreiches Jahr: Ich veröffentlichte einen Literaturessay und eine Kurzgeschichte (mein Erzähldebüt) in der Schweizer Zeitschrift für Literatur "entwürfe", schrieb zahlreiche Kurzgeschichten – und jetzt die Publikation von "Abendliche Fahrt" in der AUTORIKA-Anthologie, worüber ich mich sehr freue!

Was fasziniert Sie am Schreiben?

Auch, wenn sich das jetzt sehr pathetisch anhören mag: Ein Leben ohne Schreiben ist für mich nicht denkbar. Schon immer hatte ich den Traum, eines Tages als freie Autorin zu leben. Und jetzt habe ich damit begonnen, diesen Traum zu realisieren, was mir unheimlich viel Spaß macht! Schreiben ist für mich vor allem zweierlei: Eine Auseinandersetzung mit mir selbst wie auch, und dieser Punkt wird für mich zunehmend bedeutsamer, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte – mit der historischen Situation, in der ich lebe, aber auch mit ihrem Gewordensein, der Vergangenheit. Um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen: Es geht, in der Literatur, im Schreiben, um das Subjekt IN der Geschichte und um die Geschichte IM Subjekt. Oder, mit Elias Canetti: Der Schriftsteller ist "der Hüter der Verwandlungen" – Hüter auch der Geschichten. Der Fundus an Geschichten, an von Menschen Erlebtem ist ja unendlich.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Gibt es literarische Einflüsse?

Siehe meinen letzten Satz! Es gibt ein unermessliches Reservoir, aus dem ich, als Schreibende, schöpfen kann: Leben und Literatur sind die Quellen meines Schreibens. Mein eigenes Leben, aber auch die Biografien anderer Menschen. Ich bin sehr hellhörig in Bezug auf die Leben anderer, sehr interessiert und aufnahmefähig, denn eigentlich alles kann mir zum Gegenstand des Schreibens werden: Wahrnehmungen, Orte, Menschen, Gehörtes, Gesehenes, Geschriebenes? Literarisch haben mich folgende Autorinnen und Autoren sehr geprägt: Marguerite Duras, Cees Nooteboom, Tania Blixen, auch Susan Sontag und Siri Hustvedt, was essayistisches Schreiben angeht. Mein literarischer Hunger ist unersättlich.
Wie motivieren Sie sich, wenn Sie mal gar keine Lust zum Schreiben haben?

"Gar keine Lust zum Schreiben" – das kenne ich gar nicht, weil, wie ich schon sagte, ich mir mein Leben ohne Schreiben und ohne Literatur einfach nicht vorstellen kann. Ich würde eher von so etwas wie einer "Angst vor dem Schreiben" reden – die Angst vor dem Beginn, die Angst, für ein inhaltliches oder formales Problem schreibend keine angemessene ästhetische Lösung zu finden. Bisher aber hat sich diese Angst meist als unbegründet erwiesen. Wichtig ist das Vertrauen – ins Schreiben, in die Worte, darauf, dass der Text schon entstehen wird. Ein Text, der geschrieben sein will, wird auch geschrieben werden – daran glaube ich.

Sie haben bei der AUTORiKA mitgemacht. Was hat Sie daran gereizt?

Ich habe durch Zufall von AUTORIKA erfahren und dachte: Oh, da mache ich einfach mal mit, ohne mir irgend etwas davon zu erwarten. Im Grunde habe ich aus Anlass des Wettbewerbs drei Texte geschrieben: Eine Kurzgeschichte "Der japanische Junge", die in die Kategorie "Plötzlich allein" gepasst hätte, wäre diese nicht auf Karlsruhe bezogen; einen Kurzessay "Die Ex-Steffi" über die Situation der Künstler Hinterm Hauptbahnhof, eine Reflexion auch über die Entstehung von Kunst und über die Räume, die es braucht, um Kunst hervorzubringen. Schließlich "Abendliche Fahrt", den Text, den ich letztlich eingereicht habe.

Was gefällt Ihnen an Karlsruhe?

Ich genieße hier sehr vieles, auch wenn ich erst seit nicht einmal drei Jahren hier lebe und mich noch immer nicht ganz zuhause fühle. Schön ist die Nähe zur Pfalz und zum Elsass, die Wärme, die besonderen klimatischen Vorzüge dieser Region, wie auch die kurzen Wege Richtung Süden, Richtung Stuttgart, Freiburg, Schweiz und Italien. Hier in Karlsruhe habe ich schon ein paar Orte gefunden, die mir viel bedeuten und ein wenig Heimatgefühl vermitteln, zum Beispiel die Café-Bar "espresso stazione" in der Kreuzstraße, die "Alte Bank" in der Herrenstraße, die Bar des "Schlosshotels" und die "Milchbar" im Zoo. Außerdem mag ich das Vierordtbad mit seiner Architektur und den Alb-Radweg nach Ettlingen. Kulturell genieße ich das vielfältige Programm der Stadt, vor allem auch das exquisite Angebot von ZKM, HfG und Literarischer Gesellschaft.

Was wünschen Sie sich, was es hier noch nicht gibt?

Über diese Frage musste ich etwas länger nachdenken, denn eigentlich gibt es hier schon wahnsinnig viel. Aber, wenn ich etwas herholen könnte: Mir fehlt ein Café wie das Café Einstein Unter den Linden in Berlin, in dem, wie Cees Nooteboom schrieb, "die Welt zuhause ist". Schön wäre es auch, wenn der Rhein mitten durch Karlsruhe hindurch flösse – ich liebe die Uferwege der Spree und die Wassertaxis wie auch die Kölner und Düsseldorfer Rheinpromenaden, überhaupt alle Städte mit einem großen Fluss, was gewiss daran liegt, dass ich mit einem Fluss direkt hinter dem Haus aufgewachsen bin. Und, da ich gerade ein bisschen träumen darf: Ein bisschen mehr Berlin (Gebrochenheit und Vielfalt), München (Größe und Pracht), Budapest (Thermalbäder), Rom (mehrtausendjährige Geschichte) und Wien (Kaffeehauskultur) in Karlsruhe wäre wunderbar :=) Schließlich, vor allem in den heißen Sommern: Ab und an etwas von dem rauen und frischen Wind und der ursprünglichen Natur meiner Heimat, dem Westerwald?

Vielen Dank für das Gespräch.