Köpfe der Region


Willi Berger – Schuhmacher, Tüftler, Fotograf.


Willi Berger wurde 1933 in Grünwettersbach geboren. Nach der Volksschule erlernte er bei seinem Vater die Grundkenntnisse des Schuhmacher-Handwerks und wechselte dann in die Werkstatt von Victor Adams nach Langensteinbach. 1951 legte er erfolgreich die Gesellenprüfung ab. 1954 kehrte er Werkstatt und Beruf den Rücken und suchte sich – so würde man heute sagen – einen Job in der Industrie. Erst 1966 kehrte er in seinen erlernten Beruf zurück und machte sich mit einer kleinen Werkstatt in Grünwettersbach selbstständig. 1967 legte er seine Meisterprüfung ab, wurde Mitglied der Innung und 1994 zu deren Innungsobermeister gewählt. Zuvor war er zwölf Jahre als Stellvertreter in dieser Funktion tätig. Nach der Fusion mit der Pforzheimer Innung wurde er 1996 zum Ehreninnungsobermeister ernannt.

Eine Fotogalerie von Annette Neufang und Bernd Lind, die Willy Berger in seiner Werkstatt zeigt, finden Sie unter Fotogalerien.


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Schon früh kamen Sie mit der Fotografie in Berührung. Sie bestimmte neben Werkstatt und Schuhgeschäft einen wesentlichen Teil Ihres Lebens. Herr Berger, von der Box zur Hasselblad - wie hat das angefangen?

Die 6x9 Box-Kamera – auch Volkskamera genannt - gehörte meiner Schwester. Ich habe sie mir hin und wieder ausgeliehen. Anfänglich verwackelten mir die Bilder, weil ich nicht wusste wie lange die Kamera belichtet - erst später habe ich erfahren, dass sie ein fixe Zeiteinstellung von einem 25stel hatte. Nur wenn ich die Kamera auflegte, konnte ich auch scharfe Bilder bekommen. Zur ersten Kleinbildkamera kam über meinen Vater, der eine Neigung zur Fotodokumentation hatte. 1954 sagte er zu mir: "Du kriegschd eine Kamera. Ich geb' 50 Mark dazu und den Reschd bezahlsch du selwer." Zum Fotohändler sagte er: "Verkauf dem Kerl nit so ä deure Kamera." Ich habe mir die Agfa Silette gekauft, die damals etwa 100 Mark kostete. Das war die erste Kamera, die mit einem Hebelschwung sowohl den Verschluss spannte, als auch den Film weiter transportierte. Vom mühsam ersparten Geld kaufte ich mir noch einen Sixtomat Belichtungsmesser dazu – erst damit gelangen mir dann wirklich gute Ergebnisse auf Farbfilm und ich habe weiter gemacht.

Bildschärfe war Ihnen immer ein wichtiges Kriterium?

Ja immer. Eines Tages war ich in einem Lichtbildervortrag vom Volksbildungswerk und sah dort gestochen scharfe Aufnahmen von Peter Bach, die er mit der Edixa gemacht hatte. Die Kamera muss mal her, hab' ich mir gedacht, und gespart bis ich sie mir leisten konnte – eine der ersten einäugigen Spiegelreflexkameras, die es auf dem Markt gab. Dann hab' ich los fotografiert.

Sie wurden Dorfchronist und Berichterstatter für die BNN. Ihre Fotoausrüstung war nicht mehr ausreichend?

Der damalige Berichterstatter, der verstorbene Oberlehrer Hans Felkl, kam auf mich zu und animierte mich, Bilder vom Ortsgeschehen zu machen, d.h. bauliche Veränderungen / Straßenansichten sowie Veranstaltungen im Bild festzuhalten und zu dokumentieren. Das hab' ich 23 Jahre gemacht und seither sind viele Fotos von mir in der BNN und in der Gemeindezeitung "Wettersbacher Anzeiger" erschienen. In dieser Zeit kamen die Berichterstatter der umliegenden Gemeinden auf mich zu - von Palmbach, Hohenwettersbach, Stupferich und Wolfartsweier - und haben mich gebeten, auch Bilder von ihren Gemeinden für die Gemeindezeitung zu machen. Die Farbfilme waren damals noch nicht so gut, ich musste Vergrößerungen machen und kam mit dem Kleinbild-Format nicht mehr weiter. Was ich brauchte war ein größeres Format. Ich habe mir dann die Voigtländer Bessa 6x9 gekauft. Die Ergebnisse wurden zwar besser, aber es war halt keine einäugige Spiegelreflex. In der Not habe ich mir eine Mamyja Reflex, die C330, die zweiäugig war, gekauft, aber da hat mich dann wieder die Paralaxe gestört.

Die endgültige Erkenntnis und die teuerste Anschaffung gab es 196?.

Eines Tages sah ich Luftbilder von Fotografen der Landesbildstelle, die mit einer Hasselblad aus 500 Metern Höhe den Marktplatz fotografiert hatten. Auf den Vergrößerungen konnte man die Zebrastreifen deutlich unterscheiden. Damit hatte ich den Narren an der Hasselblad gefressen und ich sagte mir, ich spar' mir das Geld zusammen und kaufe mir irgendwann die Kamera einmalig und für immer. So habe ich es dann auch getan und bin bei dieser Kamera bis heute geblieben. Bei der Kleinbildkamera habe ich mich in den 70ern von der modernen Technik inspirieren lassen und mir die Minolta XD7 gekauft – eine der ersten Kameras, die Zeiten- oder Blendenvorwahl hatte. Auch diese Kamera nutze ich bis heute und wähle, je nach eventuellen Vergrößerungen, zwischen dem Klein- und Mittelformat. Die Umstellung auf die digitale Fotografie habe ich meinem Sohn und meiner Tochter überlassen – ich bleibe bei der herkömmlichen Art.
Die beeindruckenden Landschaftsaufnahmen in Ihrer Wohnung sind alle mit der Hasselblad gemacht?

Größtenteils ja, aber es sind auch Kleinbild-Vergrößerungen dabei.

Sie haben sowohl für die Grünwettersbacher, als auch für die Hohenwettersbacher Dorfchronik Fotos zur Verfügung gestellt. Jetzt, 30 Jahre nach der Veröffentlichung, warten Sie auf eine baldige Neuauflage. Warum?

Ich habe 1995 in einem Aufruf in der Grünwettersbacher Gemeindezeitung nach Zeitzeugen gesucht, die 1945 das Kriegsende und den Einmarsch der Franzosen miterlebt hatten. Es fanden sich zehn Personen die ihre damaligen Erlebnisse schilderten. Die Gespräche wurden auf Band gesprochen und Herr Günther Löffler - Archivator des Gemeindearchivs - hat die Geschehnisse in den folgenden 10 Jahren niedergeschrieben und illustriert, so dass heute jeder Teilnehmer eine fertige Broschüre besitzt. Ich hab's als Ergänzung zu unserem Heimatbuch gedacht, aber wann das wieder neu aufgelegt wird, das wissen wir nicht. Mir kam es vor allem darauf an, dass es überhaupt niedergeschrieben wird, für die kommenden Generationen, damit die wissen, was wir erlebt haben – Bombenangriffe usw.

Sie sind auch ein Tüftler. An Ihrer Wand überm Arbeitstisch hängen Zeitungsausschnitte, in denen über Ihre Erfindungen berichtet wird. Was hat es damit auf sich?

Bei einem Artikel handelt es sich um die Vorstellung einer durch Fotozellen gesteuerten Tunnellichtanlage für Autos. Leider war Mercedes mit einer eigenen Entwicklung schon auf dem Sprung in den Markt. Die Tüftelei begann aber schon viel früher. 1952 bastelte ich mir auf einfache Weise einen Radiowecker. Dazu entwickelte ich einen Mechanismus der bewirkte, dass beim Einschlafen das Radio selbsttätig abschaltete. Aber viel wichtiger - um wieder auf die Fotografie zu kommen -, war ein Passbildadapter, den ich für meine Hasselblad entwickelte. Als nämlich im Ort bekannt wurde, dass ich für die BNN fotografiere, stieg die Nachfrage nach Passbildern. Das war mit der vorhanden Technik zwar machbar aber auch sehr umständlich. Zu dieser Zeit gab es von Polaroid eine vierlinsige Miniporträtkamera. Die habe ich mir besorgt und mir überlegt, wie ich die dort angebrachte Kassette an meine Hasselblad bekomme. "Sie glauben es nicht, aber es ist ungemein schwierig an eine vorhandene Kamera etwas Funktionelles und leicht zu handhabendes anzubringen. Professionell, versteht sich! Und dauerhaft nutzbar!" Mein Ziel war es, mit der hervorragenden Zeiss-Optik, auf Polaroidfilm gute Passbilder zu machen. Das ist mir schließlich gelungen und das funktioniert bis auf den heutigen Tag. Ich habe auf der Photokina den Adapter der Firma Hasselblad vorgelegt und die meinten, er wäre sehr professionell gemacht. Auch für die Mamiya RB67 (6x7) habe ich einen Passbildadapter gebaut.

Sie sind ein sehr nachdenklicher Mensch, Herr Berger. Manche Ihrer Gedanken fügen Sie zu Reimen, aus anderen ergeben sich Sinnsprüche – 200 Stück haben sie mittlerweile aufgeschrieben. Sie selbst gaben sich den Namen Schuhgraf, in Anlehnung an Hans Sachs, der im 16. Jahrhundert genau wie Sie, sowohl Schuhmacher als auch (unter anderem) Spruchdichter war.

"Hans Sachs" war ein Schuh-Macher und Poet dazu"

Gilt der Zweizeiler so auch für Sie?

So hochrangig wie Hans Sachs stufe ich mich nicht ein – der war viel begabter.

Haben Sie noch einen passenden Sinnspruch für die Leser von "Karlsruhe entdecken" parat?

Ja... "Hat jemand die Wahl, heute oder morgen Passbilder machen zu lassen, empfehle ich heute, denn er erscheint morgen schon etwas älter."

Dankeschön, Herr Berger


--- Das Gespräch führten Annette Neufang und Bernd Lind